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Bildung für alle – eine Utopie? Emanzipatorische Bildung für Flüchtlinge „Jeder hat das Recht auf Bildung“: So steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Schweizer Migrationspolitik lässt jedoch diese Selbstverständlichkeit mehr und mehr zur Utopie werden. Dagegen wehrt sich der Verein Bildung für Alle und lässt sich durch die polizeiliche Räumung seines Schulhauses nicht entmutigen.
Von Felipe Polania und Michael Schmitz*
Wer heutzutage als Flüchtling in die Schweiz kommt, hat es schwer, zu Bildungsmöglichkeiten zu kommen. Seit der Bund Integrationspauschalen nur noch an anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge zahlt, stehen unzählige Asylsuchende mit laufendem Verfahren ohne Deutschkurs da – dies, obwohl alles von Integration spricht und bis zu einem Asylentscheid oft zwei und mehr Jahre vergehen. Zwei Jahre in einem fremden Land, ohne die Möglichkeit, die Sprache zu lernen? Für SchweizerInnen kaum vorstellbar, für viele Flüchtlinge jedoch bittere Realität. Zu dieser Schwierigkeit und der allgemeinen Unsicherheit über die Zukunft kommt seit Frühjahr 2009 auch wieder das Arbeitsverbot für Asylsuchende.
Illegalisierte Flüchtlinge – sogenannte „Sans-Papiers“ – haben es noch schwerer, vor allem, wenn sie abgewiesene Asylsuchende sind und in Nothilfeunterkünften von sechsmal 8.50 Franken Migros-Gutscheinen pro Woche leben müssen. Viele leben von ihnen schon fünf oder mehr Jahre in der Schweiz und haben keine Möglichkeit, in ihr Heimatland zurückzukehren. Bei ihnen soll auf Integrationsmassnahmen „konsequent verzichtet“ werden, so die Nothilfeverordnung des Kantons Zürich. Auch für sie gilt ein Arbeitsverbot. So wird das allgemeine Recht auf Bildung zur leeren Rechtsabsicht. Um dem entgegenzuwirken, gibt es unsere Schule. Viele unserer Teilnehmenden besuchen bei uns nach vielen Jahren in der Schweiz zum ersten Mal einen Deutschkurs.
Entstanden ist die Schule im Anschluss an die fast drei Wochen andauernde Besetzung der Zürcher Predigerkirche durch das Bleiberecht-Kollektiv über den Jahreswechsel 2008/2009. Im Anschluss an diese Aktion fanden die Deutschkurse für Sans-Papiers zum ersten Mal statt, in einem besetzten Haus an der Manessestrase. Die Initiative dazu kam von Flüchtlingen selbst. Nach einigen Monaten der Wanderschaft fanden wir im Sommer eine Bleibe im besetzten Schulhauspavillon der Autonomen Schule Zürich (ASZ) im Allenmoos-Quartier. Bis zu hundertzwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten dort unsere Kurse, immer mehr auch Asylsuchende, die von ihren Gemeinden keinen Deutschkurs finanziert bekamen. Sie liessen sich auch von der Kälte im kaum geheizten Schulhaus nicht vom Lerneifer abbringen.
Dann kam der 7. Januar: Unangekündigt räumte ein Grossaufgebot der Stadtpolizei Zürich die Autonome Schule, dies eine halbe Woche vor dem Start unserer neuen Kurse. Als Vorwand dienten Sicherheitsbedenken wegen eines unsorgfältig verlegten Stromkabels. Doch schon einen Tag später war klar, dass die Deutschkurse für einige Zeit im Theaterhaus Gessnerallee stattfinden können. Die breite Solidarität, die wir nach der Räumung erlebten, war beeindruckend. Bis wir wieder einen Ort gefunden haben, wo wir uns für längere Zeit einrichten können, werden wir wie in der Anfangszeit auf Wanderschaft sein.
Der Geist der Schule Vorne steht ein Lehrer oder eine Lehrerin, in den Bänken sitzen die Teilnehmenden und lernen Deutsch. Auf den ersten Blick ist der Schulalltag bei uns wie gewohnt. Dennoch ist einiges anders. LehrerInnen – oder „ModeratorInnen“, als die wir uns verstehen – und interessierte SchülerInnen verwalten die Schule gemeinsam, ohne „Schulleitung“. Formalitäten gibt es eigentlich nur dann, wenn eine Gemeinde für die Bezahlung der Kosten für das ZVV-Ticket eine Präsenzkontrolle verlangt. Die Kurse sind kostenlos, alle ModeratorInnen arbeiten ehrenamtlich. Dafür erwarten wir von den Teilnehmenden, dass sie nicht mit einer reinen KonsumentInnenhaltung zu uns kommen, sondern bereit sind, zum Funktionieren der Schule beizutragen.
Unsere Schule ist nicht ein primär humanitäres, sondern ein politisches Projekt. Die Schule soll ein Ort der Selbstorganisation für die Flüchtlinge sein, ein Ort, der ihnen durch das Lernen der Sprache und die Erfahrung beim Aufbau von etwas Eigenem Emanzipation ermöglicht; und der auch Gelegenheit bietet, sich zu überlegen, was sie und wir zur Änderung der unwürdigen Lebensumstände tun können. Dies passt sehr gut zur Idee der Autonomen Schule Zürich (ASZ), ein Ort des freien Austauschs von Wissen zu sein: Jede/r, der/die gerne anderen etwas vermitteln möchte, kann hier einen Kurs anbieten. Diplome spielen keine Rolle. Das Lernen soll möglichst selbstbestimmt sein. Neben den Deutschkursen von Bildung für Alle finden Kurse zu anderen Sprachen, Informatik, Philosophie oder Kunst statt. Einige der Sprach- und Kunstkurse werden von Teilnehmern der Deutschkurse angeboten: Arabisch, Kurdisch, Theater, Tanz, Musik. Die Idee des Wissens- und damit auch des Rollentauschs ist also von den Flüchtlingen aufgenommen worden und wird in Zukunft hoffentlich noch stärker zum prägenden Merkmal unseres Projekts.
Trotz ehrenamtlicher Tätigkeit und ausfallender Mietkosten kennt Bildung für Alle ein ständiges Problem: die Finanzen. Ins Gewicht fallen vor allem die Kosten für die ZVV-Tickets der Teilnehmenden. Abgewiesene Asylsuchende erhalten diese von den Behörden prinzipiell nicht bezahlt. Und auch längst nicht alle Gemeinden sind bereit, diesen kleinen Beitrag zu leisten. Die profitorientierte Firma ORS Services AG zum Beispiel, an die immer mehr Gemeinden die Asylbetreuung outsourcen, zeigt sich prinzipiell unkooperativ. Unser Ziel ist, mindestens den Nothilfeabhängigen ein Ticket bezahlen zu können. Denn für diese gibt es ausser der ASZ wirklich kaum eine Bildungsmöglichkeit. Damit unser Projekt die Menschen erreicht, die es am meisten nötig haben, damit Bildung für Alle keine Utopie bleibt, sind wir also auf Spenden angewiesen.
Schule als politisches Projekt Welche politische Absicht verfolgen wir mit den Deutschkursen? Es geht darum, ausgegrenzte und rechtlose Menschen durch die eigene Praxis zu ermächtigen. Das Erlernen einer Fremdsprache soll für die Flüchtlinge nicht heissen, sich der Weltvorstellung der hegemonialen Macht zu unterwerfen. Im konventionellen Verständnis bestimmt die Sprache die Interaktion und Eingliederung in die sozialen und politischen Strukturen der sogenannten Aufnahmegesellschaft. Durch das Erlernen der Sprache innerhalb konventioneller pädagogischer Konzepte wird oft – auch wenn dies nicht immer beabsichtigt ist – bei den Flüchtlingen die Machtlosigkeit und die Unterordnung bestärkt. Denn die pädagogischen Ansätze der institutionellen Integration beabsichtigen eine gehorsame Assimilation der Ausgeschlossenen in das vorhandene Ausgrenzungssystem. Die Flüchtlinge müssen dabei akzeptieren, dass sie hier keinen Anspruch auf Gerechtigkeit haben, dass sie nicht erwünscht sind, dass sie, solange sie hier bleiben, nicht auffallen dürfen, auf ihre Träume verzichten und sich dankbar zeigen müssen und vor allem: Dass sie wirtschaftlich rentabel sein sollen. Rentabel nicht als Menschen, die ihr eigenes Wissen und ihre eigene Welterfahrung zum Wohl der Gesellschaft beisteuern können, sondern rentabel als billige und prekarisierte Arbeitskräfte.
In der ASZ wollen wir demgegenüber die Vereinigung als Gegenstrategie zur Isolation leben. Wir verstehen das eigene Erschaffen eines autonomen Raumes als Alternative gegen die Ausgrenzung. Wir sehen die Selbstorganisation als Weg, um zu politischen und sozialen Rechten zu kommen. Und wir gehen dabei davon aus, dass über die üblichen parlamentarischen und institutionellen Wege nicht viel möglich ist, da diese Wege für Flüchtlinge und MigrantInnen allzu oft ausgrenzend wirk(t)en.
Für uns ist das Recht auf Bewegungsfreiheit und Asyl ein legitimes Recht. Dieses Recht wird aber durch die Festung Europas faktisch abgeschafft. Bei der Konstruktion von Legalität – wie beispielsweise bei der Definition von „legalem Aufenthalt“ – werden legitime Menschenrechte nicht anerkannt. Wir als PädagogInnen, die in der Interaktion mit Menschen arbeiten, wählen bewusst den Weg der Legitimität aus und nehmen Abstand von der willkürlichen Legalität.
Das Mobilitätskonzept Seit Februar 2009, als die Deutschkurse anfingen, haben sie an sieben verschiedenen Orten stattgefunden. Im Zeitverlauf haben wir zahlreiche Raumangebote bekommen, viele von ihnen leider auf Kosten der Selbstverwaltung des Raums. Unser Projekt ist weiterhin auf der Suche nach einer etwas längerfristigen Möglichkeit, einen Raum in Selbstverwaltung zu beziehen.
Inzwischen zeigt die Mobilität bei der prekären Suche nach dem eigenen Raum auch positive Nebenwirkungen. Zum einen werden die Flüchtlinge an verschiedenen Orten in der Stadt sichtbar. Die Vernetzung der Flüchtlinge hat zugenommen. Bei jedem Umzug entwickelt und verstärkt sich die interne Organisation. Zudem bewirkt die Mobilität eine temporäre Besetzung von städtischen Orten, was bei den Flüchtlingen die Kampfbereitschaft wecken kann.
Die Mobilität beinhaltet einen Paradigmenwechsel. Die Schule wächst unabhängig von den Räumlichkeiten. Das Lernen wird zum wandernden Erlebnis und gleichzeitig zum Versuch der partiellen Aneignung einer Stadt, die Flüchtlingen normalerweise versperrt bleibt. Diese Praxis ist aber auch sehr streng und frisst viele Ressourcen. Eigentlich bräuchte man eine möglichst leichte, mobile Infrastruktur, was nicht einfach zu erreichen ist, wenn über hunderte Personen dreimal in der Woche zum Unterricht kommen (man denke nur an die Schulbänke und Stühle, die bei jedem Umzug mitgeschleppt werden müssen). Entscheidend ist, dass die interne Kommunikation schnell und gut funktioniert, sonst finden die Kursteilnehmenden den Weg in die (neue) Schule nicht wieder.
Die Kampfschule Neben dem Deutschkurs beteiligen sich die Kursteilnehmenden in anderen Kursen wie Theater („Theater der Unterdrückten“), Capoeira (brasilianischer Kampftanz), Politischer Bildung, Selbstverteidigung für Frauen, Fotografieren, Filmen, etc. Das ganze Bildungsangebot bietet ein Konzept, dessen Schwerpunkt darin liegt, die Kraft zu erwecken und sich für die eigenen Rechte einzusetzen. Dieser Wunsch kann sich nur verwirklichen durch den politischen Kampf. Unsere Schule versteht sich deswegen als eine „Kampfschule“.
Wogegen kämpft denn die Schule? In erste Linie gegen die Ausgrenzung von Menschen. Die Schule engagiert sich dabei insbesondere für eine allgemeine Regularisierung aller Menschen, die in der Schweiz leben. Die Schule bekämpft dabei auch den von oben diktierten Integrationsimperativ. Wir wehren uns gegen die Vorbedingung der Assimilation. Es kann nicht darum gehen, die bestehenden politischen und sozialen Strukturen zu akzeptieren und sich damit widerstandslos der Ungerechtigkeit, den Stigmatisierungen und Diskriminierungen zu unterwerfen. Von den Flüchtlingen zu fordern, sich unauffällig und dankbar zu verhalten, das macht für uns keinen Sinn – im Gegenteil: zuerst braucht es die bedingungslose Anerkennung ihrer sozialen und politischen Rechte.
Die Schule bekämpft die traditionellen Bildungsstrukturen, die Macht lediglich reproduzieren. In unserem Verständnis sollte emanzipatorische Bildung dazu führen, dass Machtstrukturen in Frage gestellt werden. Die Schule will selbstbestimmte, kritische und selbstreflexive Menschen fördern, die fähig sind, den autoritären und hierarchischen Strukturen zu misstrauen und die Welt zu verändern. Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit sind Wörter, die bei uns in den Deutschstunden wie auch im alltäglichen Zusammenleben mit Bedeutung gefüllt werden (sollen).
Erschienen in: VPO – Bildungspolitik. Heft 166, Mai 2010. * Michael Schmitz und Felipe Polania engagieren sich im Verein „Bildung für alle“ / in der Autonomen Schule Zürich als Moderatoren und Aktivisten und sind aktiv im Bleiberecht-Kollektiv Zürich
Homepage: http://www.bildung-fuer-alle.ch/
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